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Raumordnung

Dipl. Ing. Dr. Gerlind Weber über Zersiedelung
Siedeln ist ein neutraler Begriff, der das Errichten von Bauten und Anlagen, zum Zwecke des Wohnens, Arbeitens, Bildens, Erholens, etc. sowie die Verbindung dieser menschlichen Aktivitäten untereinander zum Ausdruck bringt.

Zersiedelung ist hingegen kein neutraler, sondern ein negativ besetzter Begriff, der raumplanerisch unerwünschte Siedlungsentwicklungen bezeichnet.

Erstmals hat sich der Verfassungsgerichtshof zu Beginn der Siebziger Jahre mit dem Begriffsinhalt von "Zersiedelung" auseinandergesetzt. Dabei stellte er fest, dass damit "einerseits das Ausufern städtischer Bebauung , und andererseits das ungeregelte Wachstum sporadischer Siedlungsansätze, und zwar auch in Agrargebieten" zu verstehen sei.(VfSlg 1014/1973). Mit anderen Worten heißt dies, dass Zersiedelung das ungerechtfertigte Abgehen vom zentralen Anliegen der Raumplanung auf kommunaler Ebene bedeutet, nämlich einerseits kompakte, in sich geschlossenen Siedlungskörper zu entwickeln und im Gegenzug dazu die offene Kulturlandschaft möglichst unverbaut zu erhalten.

Die Ursachen, warum die Raumplanung das Prinzip der Nähe bzw. das der kurzen Wege im Siedlungswesen vertritt und gegen die Zersiedelung im oben genannten Sinne kämpft, sind mannigfaltig. Die wichtigsten Argumente seien hier genannt:
  • Zersiedelung bedeutet einen unnötig verschwenderischen Zugriff auf das knappe Lebenselement Boden;
  • Zersiedelung zieht einen unnötig hohen Einsatz an Finanzmitteln, Energie und Material nach sich, um die mit den ungeordneten Siedlungsformationen Hand in Hand gehende Erschließung zu errichten und letztlich zu entsorgen;
  • Zersiedelung fördert die Abhängigkeit von den Individualverkehrsmitteln mangels Fußläufigkeit und Vertretbarkeit einer Erschließung durch öffentliche Verkehrsmittel;
  • Zersiedelung führt zur Verinselung und der damit einhergehenden Degradierung von Tier und Pflanzengesellschaften;
  • Zersiedelung isoliert die Autolosen und erschwert Nachbarschaftsbeziehungen;
    Zersiedelung zerstört gewachsene Landschafts- und Ortsbilder;
  • Zersiedelung ist ein Verstoß gegen das Gebot der intergenerationellen Gerechtigkeit, denn sie beraubt nachfolgende Generationen der Freiheit, über ihre Siedlungsentwicklungen ohne gravierende Vorbelastungen zu disponieren.
Das Wort Zersiedelung steht im regionalen Kontext aber auch für den Verlust von Überschaubarkeit, Nähe und Authentizität. Regionale Identitäten scheinen im Einerlei des Siedlungsbreis für immer zu verschwinden.

...es kommt zu ungeordneten Siedlungsformationen unter Zunahme des freistehenden Einfamilienhauses oder sonst extrem flächenintensiver Bebauungsformen wie Freizeitzentren. Um diesen Prozess mit einem raumplanerischen Fachausdruck benennen: Es findet laufend eine dekonzentrierte Konzentration statt. Es vollzieht sich gleichzeitig Zersiedelung auf regionaler lokaler und parzellenbezogener Ebene, was einem Zuwiderhandeln gegen raumplanerische Ziele und Grundsätze auf der ganzen Linie gleich kommt...

O.Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Gerlind Weber
Universität für Bodenkultur - BOKU
Institut für Raumplanung und Ländliche Neuordnung (IRUB)
Department für Raum, Landschaft und Infrastruktur (RaLi)
politicum (Zeitschrift), Heft 80/1998



Architekt Charls Correa über Zersiedelung
Die Zersiedelung ist eines der Hauptprobleme der gegenwärtigen Architekturentwicklung.

Jeder Platz in einer historischen Stadt, ob in Indien oder Europa, funktioniert wie eine Maschine. Die Form ist der Bauplan, nach dem die angrenzenden Häuser als Einzelteile entwickelt werden können, ganz gleich ob traditionell oder zeitgenössisch.

Durch die Zersiedelung aber gäbe es nur noch Einzelteile, aber keinen Bauplan mehr. Speziell in den Wohnbauten sei das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft gespeichert, ein Verlust ist unersetzbar.

Carls (Mark) Correa
Ehrenmitglied American Institute of Architecture
Building Solutions for People and Cities



Maga Grete Kroyer über die Auswirlungen von Zersiedelung
Die Öffentliche Hand muss sparen. Nach wie vor werden öffentliche Gelder verschwendet. Die Grünen sehen in der planlosen Zersiedelung eine Verschwendung von öffentlichen Geldern. Nach wie vor werden große Grundflächen in Baugebiet umgewidmet, auch wenn genug Baureserven oder viele leer stehende Wohnobjekte in den Ortskernen vorhanden sind. Die schleichende Ortskernverödung ist bislang weitgehend unbemerkt erfolgt.

Die negativen Folgen der Zersiedelung sind bekannt:
  • Enormer Flächenverbrauch
    Dabei wird im Widerspruch zu den Zielen der Raumordnungsgesetze unverbauter Natur- und Lebensraum verschwendet. (Die natürlichen Lebensgrundlagen sind zu schützen und pfleglich zu nutzen, um sie für die Zukunft in ausreichender Güte und Menge zu erhalten. Quelle: Bgld. Raumplanungsgesetz §1)
  • Hohe Kosten für die Allgemeinheit
    Durch kostenintensive Aufschließung - weit überhöhte Errichtungs- und Betriebskosten der Infrastruktur werden auf verschiedene öffentliche Budgets abgewälzt.
  • Unnötiger Straßenbau samt Infrastruktur und damit unnötige Geldverschwendung
  • Unnötiges Ansteigen des Autoverkehrs im Ortsgebiet, durch längere Wege zu den öffentlichen Einrichtungen
Zu den Kosten für die Allgemeinheit:
Zwei im Auftrag der Österreichischen Raumordnungskonferenz (ÖROK) durchgeführte Studien aus dem Jahr 2001 zeigen auf, dass im Bereich der Siedlungsentwicklung jährlich Milliarden an öffentlichen Mitteln österreichweit durch die von den Behörden zugelassene Zersiedelung versickern.

Die gesamte Siedlungsentwicklung vollzieht sich unter starker Mitwirkung der öffentlichen Hand, allerdings weniger durch planerische Vorgaben, als durch verschiedene Finanzierungshilfen, wie z.B. die Wohnbauförderung. Des weiteren ist auch die öffentlich bereitgestellte technische Infrastruktur (Straße, Wasserversorgung und Abwasserentsorgung) mit Errichtung- und Betriebskosten und Instandhaltungskosten, bzw. Sanierungskosten mit einzubeziehen.

Die Studie im Auftrag der ÖROK ergab, dass die "Häuslbauer" selbst nur etwa 37% der Infrastrukturkosten tragen und den gesamten Rest die öffentliche Hand abdeckt.
Das realistisch geschätzte Einsparungspotenzial für eine flächen- und kostensparende Erschließung (berechneter Zeitraum 1991 - 2011) beträgt 2,8 Mrd. Euro.

Maga Grete Kroyer
Klubobfrau der Grünen Burgenland